Ursachen

Für das Problem, dass ökologische Nachhaltigkeit immer wieder gegen soziale Gerechtigkeit und ökonomische Stabilität ausgespielt wird, sehen wir zwei Ursachen:

Aus diesem sozialen Dilemma erscheint Wachstumspolitik der einzige Ausweg zu sein, obwohl sie die natürlichen Grundlagen unseres Wohlstandes gefährdet.

Ursache 1: Ungerechte leistungslose Einkommen

Das Leistungsprinzip war und ist eine der wichtigsten sozialen Gerechtigkeitsnormen überhaupt. Es besagt ganz schlicht, dass es gerecht ist, wenn Leistung und Gegenleistung gleichwertig sind.


Grafik: Grit Koalick.
Das Leistungsprinzip liegt dem Modell der Marktwirtschaft normativ zugrunde. Wenn die wirtschaftlichen Leistungen von Menschen nicht adäquat belohnt werden, ist das der sicherste Weg, Menschen ökonomisch zu entmutigen.

Das Leistungsprinzip ist alt – auch wenn es erst in der Moderne so genannt wurde. Das Phänomen der Reziprozität, der sozialen Notwendigkeit von Gabe und Gegengabe, ist universell. Es ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten zu finden. Reziprozität beschreibt eine Form der „mentalen Buchhaltung“, welche registriert, wer womit bei wem „in der Schuld steht“. Diese Buchhaltung ist weder exakt noch unbestechlich, sondern stark sozial geprägt, arbeitet aber im Großen und Ganzen ziemlich verlässlich.

Die Idee des Eigentum basiert letztlich auf dem Ideal der selbst erbrachten Leistung, deren Früchte man auch selbst genießen darf. Zahlreiche Sozialwissenschaftler heben hervor, dass das Leistungsprinzip gerechter sei als alle anderen Verteilungsverfahren und dass dies auch empirisch breit belegbar ist: Verteilung nach Leistung entspricht durch und durch dem Selbstverständnis der meisten Menschen, quer durch alle Bevölkerungsschichten. Sie erkennen als grundlegendes Gerechtigkeitsprinzip an, dass jene mehr Einkommen erhalten sollen, die fähig und fleißig sind.

Problematisch ist, dass Leistung sich nicht objektiv definieren lässt. Viele empfinden bei dem Begriff ein Unbehagen, weil er einseitig nach Ellbogenmentalität und Karrieredenken klingt. Dieses Unbehagen ist unseres Erachtens aber eher auf die tatsächlich fehlende Leistungsgerechtigkeit zurückzuführen. In vielen wirtschaftlichen Bereichen fallen Leistung und Einkommen heute ganz offensichtlich auseinander: Mietsteigerungen auch ohne Instandhaltung oder Modernisierung, Bonuszahlungen für Manager von Großkonzernen trotz Verlusten, höhere Gewinne durch schlechte Arbeitsbedingungen und Umweltschädigung. Zugleich gibt es schlecht bezahlte Pflegearbeit und Altersarmut trotz Vollzeitjob. Hier wird das Leistungsprinzip systematisch verletzt.

Einkommen sind unverdient, wenn sie ihren Ursprung nicht in der Leistung des Einzelnen haben, sondern in Leistungen anderer, der Allgemeinheit oder der Natur. Kommen leistungslose Einkommen Menschen zugute, die nicht bedürftig sind, ist dies ungerecht. Diese Form von fehlender Leistungsgerechtigkeit ist ein wichtiges Kennzeichen des Kapitalismus. Die gute Nachricht ist: Erfahrungsgemäß lässt sich relativ leicht ein Konsens erzielen, was keine Leistung sein soll, und das kann man sehr gut in politische Maßnahmen umsetzen.

Wir werden später drei Maßnahmen vorstellen, mit denen leistungslose Einkommen verhindert werden sollen:

Der Umgang mit natürlichen Ressourcen ist außerdem für einen sozial und ökologisch gefährlichen Wachstumszwang verantwortlich.

Ursache 2: Wachstumszwang für Unternehmen, Haushalte und Politik

Unternehmen sehen sich gezwungen, ständig zu investieren und zu expandieren, um mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten, dem Wettbewerbsdruck standzuhalten und so ihre Existenz nicht zu gefährden. Auch Haushalte müssen bei technischen Entwicklungen wie Autos, Computern oder Smartphones „mithalten“, um nicht ökonomisch abgehängt zu werden. Technische Innovationen gefährden Arbeitsplätze und -einkommen, aber die Norm des Leistungsprinzips fordert, dass jeder grundsätzlich für seinen Unterhalt selbst sorgen muss.


Grafik: Grit Koalick.

Technischer Fortschritt ist keine natürliche und unaufhaltsame Kraft. Zwar wird er vorangebracht von menschlichem Ideenreichtum, den man kaum beschränken kann. Doch die ökonomische Attraktivität technischen Fortschritts entsteht vor allem dadurch, dass Innovationen die Beschränkungen menschlicher Leistungen überwinden. Das soll nicht bedeuten, technische Entwicklungsleistungen gering zu schätzen. Ihre Umsetzung erfordert eine intensive Ausbildung, viel Arbeitszeit und Hingabe. Der Wettbewerbsvorteil entsteht aber nicht primär durch solche individuell höhere Leistung, sondern vor allem durch erhöhten Ressourcenverbrauch. Technischer Fortschritt ermöglicht, teure menschliche Arbeit durch günstige Energie und Materialien zu ersetzen. Dieser Teufelskreis funktioniert natürlich nur, solange eine sinnvolle staatliche Ressourcenpolitik fehlt.

Natürliche Ressourcen erzeugen also nicht nur direkt leistungslose Einkommen, sondern sorgen über ressourcenintensive Technologie und die damit verbundene Umlenkung von Umsätzen und Einkommen auch für einen Wachstumszwang für Unternehmen und Haushalte. Deren individuelle Wachstumsstrategien erzeugen als unbeabsichtigten Nebeneffekt die sogenannte „technologische Arbeitslosigkeit“. Staatliche Wachstumspolitik erscheint dann unvermeidlich, um dem sozialen Dilemma zu entkommen und Vollbeschäftigung zumindest annähernd wieder zu erreichen. Insofern kann man berechtigterweise von einem politischen Wachstumszwang sprechen – auch wenn man die Meinung vertreten könnte, dass letztlich alles unserem politischen Gestaltungswillen unterliege. Aber das Leistungsprinzip setzt der Politik dabei enge Grenzen.

Folgerungen aus der Ursachenanalyse

Gesucht wird ein Lösungsansatz, der sowohl Verletzungen des Leistungsprinzips verhindert als auch den ökologisch gefährlichen Wachstumszwang überwindet und Wege aufzeigt, wie Wirtschaft und Gesellschaft auch ohne Wachstum politisch stabilisiert werden können. Das ist weniger eine „kulturelle“ Frage als eine der ökonomischen Rahmenbedingungen. Ohne deren Veränderung wird ein Ausweg aus dem Dilemma nicht gelingen, weil die ökonomische Anreizstruktur unverändert mächtig bleibt.

Auf der nächsten Seite diskutieren wir unsere Lösung einer gerechten und nachhaltigen Marktwirtschaft.